Inoffiziell die Weltmeisterschaft der Amateur-Rennradfahrer.....Hart-Härter- Ötzi!

News Hits: 2781

TOLLER BERICHT VON BERND (bis zu Ende lesen lohnt!):

Ötztaler Radmarathon 2019

Seit knapp 40 Jahren wird der Ötztaler Radmarathon ausgetragen und hat sich in den letzten Jahrzehnten zur wohl bedeutendsten Eintagesveranstaltung in der Jedermann Radsportszene entwickelt. Also warum sich nicht einmal bei den Spezialisten einer Disziplin messen.

Das Rennen.

Eine Schleife von 238km über die vier Alpenpässe Kühtai, Brenner, Jaufenpass und Timmelsjoch. Mit mehr als 5000 hm gehört die Strecke zu den anspruchsvolleren Rennen und wird auch als inoffizielle WM der Jedermänner gehandelt – dieses Jahr sogar mit 15h Livesendung im Internet. Neben guter Vorbereitung braucht es auch noch etwas Glück. Zuerst bei der Startplatzverlosung im Frühjahr, dann noch am Renntag mit dem Wetter in der Alpenregion. Wer den Bericht von Jan aus 2019 gelesen hat oder sogar schon selbst gestartet ist weiß, wie ungemütlich die Bedingungen sein können.

Ca. 4.000 Radler starten ab 6:45 in zwei Startblöcken, der erste Block mit den VIPs und den schnellen Fahrern und der zweite mit den restlichen 3.500 Starten. Bis alle Fahrer über die Startlinie sind vergehen gut und gerne 12-15 min. Fairerweise wird für den zweiten Block die Nettozeit ab Überfahren der Startlinie genommen.

Die Organisation vor und während des Rennens ist hoch professionell, die fünf Verpflegungsstellen bieten die notwendige Energie in flüssiger und fester Form für den langen Tag. Etwas Neid kann aufkommen, wenn man an der Strecke die privaten Helfer der Amateur Teams sieht. Sie reichen ihren Athleten an jedem Gipfel Verpflegung oder Kleidung und nehmen die Kleidung auch nach der Abfahrt wieder entgegen. Aber gut! Dafür sind die Jungs und Mädels auf dem Rad auch richtig schnell und gelitten wird an der Spitze genauso wie am Ende des Feldes.

Die Spitzenfahrer sind mittlerweile bei einer Fahrzeit von unter 7 Stunden angekommen. Die letzten Fahrer werden traditionell nach Anbruch der Dunkelheit auf den letzten Kilometern zurück nach Sölden sicher von den Helfern begleitet und im Ziel von dem ausdauernden Publikum gefeiert.

 

Pre-Race und Wetterprognose

Meine letzten Wochen der Vorbereitung liefen gut. Mit dem Schwerpunkt auf längere Ausfahrten mit langen Anstiegen im unteren Kraftbereich sollte der Fitnesslevel ausreichen, um die gesteckte Zielzeit in Angriff zu nehmen. Bleibt noch die Frage nach dem Wetter. Mit einem eigens engagierten lokalen Meteorologen lautete die Prognose bei der WK Besprechung am Vortag. Sölden morgens 11°, trocken, kaum Wind nur im Verlauf des Tages zunehmende Wahrscheinlichkeit von Schauern und Gewitterrisiko. Bis ca. 13 Uhr waren aber stabile Verhältnisse angekündigt, d.h. erste Rennhälfte trocken und mit etwas Glück noch die technisch anspruchsvolle Abfahrt des Jaufenpasses auf trockener Straße. Im Vergleich zum letzten Jahr (Teilnahme Jan, Andy und Caroline) also nahezu perfekte Bedingungen.

 

Raceday 01. September 2019 – Meine Ötzi Premiere

Ohne VIP Status oder entsprechende Vorjahresleistung, hieß es für Alex und mich, einreihen im Startblock 2. Obwohl ich ca. 50min vor dem Start zur Aufstellung kam, stand ich im hinteren Drittel. Alex hat das ganze entspannter angehen lassen und fand sich nahezu am Ende des Starterfeldes wieder. Pünktlich um 6:45 ging es los und im 4.000 Fahrer großen Feld lässt es sich ohne große Anstrengung die 30km nach Ötz talabwärts rollen.

Erster Anstieg Kühtei: Mit noch etwas müden Beinen im dichten Teilnehmerfeld langsam Fahrt aufnehmen und - den Wattmesser fest im Blick – den Ablauf für den Tag noch einmal im Kopf durchgehen. Der eigene Support kurz vor dem Gipfel steigert die Moral und versorgt mich mit der gewohnten Verpflegung. Die folgende Abfahrt nach Innsbruck bin ich etwas defensiver angegangen. Da mein letztes Rennen ohne Windschattenverbot nun sieben Jahre her ist und die Fahrer in meinem Umfeld meist auch die besseren Skills hatten, wohl eine gute Entscheidung.

In Innsbruck und zu Beginn des Brenners hatte sich eine Gruppe von mehr als 60 Fahren gebildet. An Position vier befindlich und ohne große Lust auf Diskussionen wer nun wie lange vorne Fahren soll, entschied ich mich für einen kurzen Stopp & Go und reihte mich am Ende des Feldes wieder ein. Mit angenehmer Cruising Speed und sehr übersichtlichem Kraftaufwand ging es nun über den Brenner.

Jaufenpass: Nach der recht einfachen Abfahrt erreichen wir den Anstieg zum Jaufenpass. Das Rennen ist nun schon 4h11 im Gange. Nach ausreichender Verpflegung und immer noch vollen Tanks merke ich wie meine Mitfahrer zu Beginn des Jaufen nun deutlich nachlassen. Die Motivation und die gefühlte Leichtigkeit lassen mich die erste Hälfte überpacen. Auch wenn ich den Jaufenpass noch hätte so durchfahren können, wäre das wohl der Grundstein für einen Einbruch am nächsten 2h Anstieg gewesen. Die zweite Hälfte ging es dann mit deutlich reduzierter Leistung weiter und es bleib Zeit für Essen und Trinken im Anstieg. Wattmesser sei Dank! Mit 1h05 inkl. Pausen genau im Fahrplan, wenn auch nicht 100% gleichmäßig im Anstieg. Nach der sehr anspruchsvollen Abfahrt vom Jaufenpass und immer noch trockenen Straßen ging es direkt in den letzten Anstieg.

Timmelsjoch: Die bisherige Renngestaltung sollte sich nun auszahlen. Bis hierher fühlte es sich mit 4 Riegeln, 3 Cliffbars und 2 Gels eher nach einem Brunch als nach einem Radrennen an. Aber die ersten 14km/950hm bis Schönau mit 1h01 bestätigen den Sinn. Nach einem kurzen Stopp, um die Flaschen aufzufüllen geht nun noch die restlichen 800hm bis zum Dach der Strecke auf das Timmelsjoch. So langsam schwinden nun die Kräfte, die Wattanzeige pendelt sich nun bei 223W (IF 0.7) ein. Ein Blick in die Gesichter des Umfeldes und die Vorstellung, dass es den anderen noch schlechter geht, hilft. Die Abfahrt zum letzten Gegenanstieg an der Mautstation ist rasend schnell, der Gegenanstieg eher eine Kopfsache mit nur 2km Länge und nach der kurzen Erholung körperlich wieder machbar.

Aber! Anscheinend war die Abfahrt zu kalt für mich. Mit Krämpfen im rechten Innenschenkel konnte ich plötzlich keine Kraft mehr aufbringen und sah mich schon den letzten Kilometer hochlaufen. Versuche im Wechsel stehend und sitzen zu fahren brachten nichts. Am Ende half nur mit links zu treten und rechts einfach mitlaufen lassen. Erleichtert an der Mautstation angekommen - nun auch technische Probleme beim Versuch aufs große Blatt zu schalten fällt die Kette runter und ist eingeklemmt. Nach dem Beheben und 100m auf dem Rad - das Gleiche noch mal. Da es nun aber nur noch bergab ging, kurzer Hand die Kette von Hand fest aufs große Blatt und weiter. Ärgerlich, knapp 3min verloren und ein gutes Dutzend Fahrer rauschen mühelos vorbei.

Die Schlussabfahrt in kleinen Gruppen dann sehr zügig und immer noch auf trockenen Straßen. Die letzten Kilometer sind dann zum Genießen. Die Zieleinfahrt nach Sölden das absolute Highlight. Gefühlsmäßig rechnete ich mit einer etwas schnelleren Zeit als geplant, hatte aber darauf verzichtet während der Fahrt zu rechnen. Später im Ziel die Bestätigung mit einer Rennzeit von 8h18.  Alex konnte nach seinen 2 Langdistanzen und entsprechender Vorbelastung nicht im Rennmodus unterwegs sein. –-Daher unvorbereitet ohne Bergtraining oder Streckenkenntnisse ging er das Ganze entsprechend als ambitionslose RTF an und kam nach 10h31 abzüglich (46 Minuten) entspannte Pausen auf reine Fahrzeit immerhin noch deutlich unter 10h ins Ziel. So blieb auch noch genügend Zeit für das gemeinsame Finisher Foto.

Rechtes Bild: Stolze Finisher Alex und Bernd!

 

Analyse und Recap in Zahlen:

Als Rookie und ohne eigene Erfahrung wie das Rennen abläuft, hatte ich mich bei der Zielsetzung auf die reine Fahrzeit (ohne Pausen) festgelegt. Bei normalen Bedingungen zwischen 8h20 und 8h30 sollten es werden. Je nach Pausenzeiten dann eine Rennzeit zwischen 8h35 und 8h50. Um dies zu erreichen, hatte ich mich bei der Planung auf die Hauptanstiege konzentriert. Bei den Abfahrten und Transferstücken musste ich nehmen, was das Rennen hergibt, da sich diese anhand von Trainingsfahrten kaum abschätzen lassen. Die Teilstücke in Zahlen

Kühtai: Geplant: IF0.82 - IF0.85. Gefahren: 268W (IF0.84). Fahrzeit 1h12 (1h10 netto) .
Mit noch etwas müden Beinen etwas defensiv aber genau im Plan

Brenner: Geplant <IF0.75. Gefahren 230W (IF0.72). Fahrzeit 1h11. Die große Gruppe war ok, schnellere Möglichkeit „selber fahren“ schnell verworfen :-)

Jaufen: Geplant IF 0.80. Gefahren: 275W (IF 0.86) in der ersten Hälfte. Zweite Hälfte: 242W (IF 0.76) nach vernünftiger Leistungskorrektur. Fahrzeit 1h05 (1h02 netto)

Timmelsjoch:
Teil1: Geplant IF 0.75. Gefahren 244W (IF 0.76). Fahrzeit 1h01 (59min netto)
Teil2: Geplant >IF 0.72. Gefahren 223W (IF 0.70). Fahrzeit 58min. Etwas unter Plan/Wunsch, aber kaum Zeitverlust.

Insgesamt hat alles nahezu perfekt funktioniert. Die kleinen Abweichungen angesichts der Länge des Rennes praktisch vernachlässigbar. Das Ergebnis mit 8h18 (8h10 netto Fahrzeit) besser als geplant.

 

Ausblick
Nun warte ich erst einmal ab, was unser Commandante so plant für 2020. Eventuell kauf ich mir eine Regenjacke und fahre dann nächsten Jahr nochmal zur Kontrolle mit :-)

 

Dankeschön für deinen tollen Bericht, Bernd!!

 

 

Print